Philosophen : Theorie der Halbbildung

Theorie der Halbbildung

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Vom Schicksal der Bildung - Die internationalen Vergleichsstudien wie PISA und TIMSS habe aufgrund ihrer Ergebnisse die öffentliche Diskussion um den Stand des deutschen Bildungssystems wieder zunehmend entfacht und auf die Tagesordnung der Politik zurückgeführt. Eine Diskussion um die Bestimmung des Bildungsbegriffs ist wieder en vogue. Auch der bereits 1959 von Adorno abgehaltene Vortrag über die Theorie der Halbbildung gewinnt dadurch wieder an Aktualität, da er mahnend in Erinnerung ruft, dass einzelne pädagogische Reformen kaum ausreichend sind. Doch zunächst einmal zu Adornos Verständnis von Halbbildung und Bildung.Analog zum Bildungsbegriff betrachtet Adorno die Kultur, oder das, was man im allgemeinen darunter zu verstehen glaubt. Bildung wie Kultur verweisen immer auf die Gesellschaft, sie sind in den Maschen der Vergesellschaftung gefangen. Genuin impliziert aber gerade der Bildungsbegriff Emanzipation und Natürlichkeit. In diesen Werten/ Vorstellungen, die Bildung propagiert, ist aber immer schon eine Tendenz zur Verabsolutierung dieser Werte angelegt, sodass Bildung selbst - als charakteristisches ambivalentes Merkmal - ,sofern sie sich verabsolutiert, immer schon Halbbildung wird, sie verliert ihre kritische Kraft. Die ursprünglichen Bildungsideen von Bändigung des animalischen Menschen durch Anpassung aneinander einerseits und Rettung des Natürlichen im Widerstand gegen den Druck der ... Ordnung offenbaren ihren dialektischen Charakter. D.h. Bildung will Gesellschaft heilen, kann es aber nicht. Denn auch im Willen, Macht menschenwürdig zu gebrauchen, lässt Macht als Gestaltungsprinzip überleben und überhebt sie über jeden vernünftigen Zweck, so löst sich die Bildung von ihrer eigentlichen Absicht.Die Gefahr, die Adorno in Bildungsvorstellungen sieht, ist, dass Bildung zwar die Idee einer eines Zustandes der Menschheit ohne Status und Übervorteilung postuliert, sie sich aber nicht weniger schuldig macht durch ihre Reinheit, die kann nämlich zur Ideologie werden. Bildung wird so zur Apologie ihrer selbst und ihrer Welt, sie setzt sich selbst und ihre Kultur absolut. Dieser Charakter der Bildungsvorstellungen ist historisch gewachsen während der Emaznipation des Bürgertums, das für sich das Bildungsmonopol beanspruchte, währendhin das Proletariat davon ferngehalten wurde. Besonders in den ländlichen Regionen des 19. u. 20 Jhs. setzte sich ein Bildungsverständnis durch, indem die Autonomie als Apriori der Bildung zunehmend zurücktrat, sodass als Halbbildung die fremdbestimmte äußere Seite der Bildung, die Halbbildung, ihren Siegeszug abhielt, gleichwohl ist nach Adorno Halbbildung eine bürgerliche Signatur. Bildung verliert also ihre kritsiche und autonome Kraft. Dieser Verlust wird begünstigt durch die Mediasierung der Bildungsgüter und durch die Überflutung des Einzelnen mit angeblichen Bildungsgütern. Dies führt wiederum zu einer Anpassung der Bildungsgüter an das Bewusstsein der vom Bildungsprivileg Ausgesperrten. Das Absterben der Bildung geht einher mit der Sozialisierung der Halbbildung, die zunehmend von allen gesellschaftl. Schichten Besitz ergreift.An der reinen Bildung partizipieren für Adorno nur noch einige Wenige, die sich selbst oftmals als Eliten verstehen. Bildung bedarf des Schutzes vor derm Andrängen der Außenwelt, da Kern der Bildung der spekulative Idealismus des Geistes ist, der nicht für Zwecke dienstbar gemacht resp. instrumentalisiert werden kann.Dass Halbbildung nicht auf den Geist beschränkt bleibt, erörtert Adorno anhand der amerik. Gesellschaft, sie entstellt auch das sinnliche Leben. Während Halbbildung das kritische Potential abhandengekommen ist, ist Bildung gleichzusetzen mit Differenziertheit.Besonders aktuell ist Adornos Theorie der Halbbildung, da das deutsche Bildungssystem zunehmend zur Vereinheitlichung neigt, insb. durch festgelegte Bildungsstandards, einhetliche Abituraufgaben... In diesem Prozess scheint ein Fünkchen der Halbbildung zu lodern, die Adorno so eindringlich mahnend bereits vor fas 50 Jahren zu bedenken gegeben hat. Adornos Philosophie ist eine gesellschaftskritische, daher nicht gerade eine Anleitung zur praktischen Umsetzung seiner Theorie, etwa in der Schule. Doch ist sie allemal fruchtbar für die Reflexion der eigenen Vorstellung von Bildung, auch wenn sie nicht Wenigen als zu einseitig kritisch vorkommen mag.

Extrem einseitig - Adorno will seinen Begriff von Bildung und Halbbildung gesellschaftlich durchsetzen. Nach der Lektüre dachte ich, dies ist eine Form von Macht, die ein Sozialphilosoph ex cathedra verkündet. Es gibt aber in unserer multikulturellen Gesellschaft viele verschiedene Existenz-und Bildungsentwürfe. Adorno war da sehr einseitig, keineswegs demokratisch und tolerant. Denn andere Entwürfe als seine hat er diskreditiert. Er wollte offenbar dogmatisch bleiben. Damit auch rechthaberisch.

Fenster sein! Nicht Spiegel. - ::Diese schöne Beschreibung von Bildung verdanke ich E.P. Fischer aus seinem Buch: Die andere Bildung. Rilke wird dort zitiert und was er in seinen poetischen Gedanken formte, lässt sich auch hier zur Theorie der Halbbildung bestens verwenden. Bildung ist Durchblick, das Natürliche, das Zusammenhängende wie das Durchdringende. Wissen ist Abfrage und Wettbewerb, Widergabe, Reflexion im eigentlichen physikalischen Sinne wie es ein Spiegel zeigt oder wie Heinrich von Kleist in: >Verfertigung der Gedanken beim Reden< schreibt , nur ganz gemeine Geister, Leute, die was [...] sei, gestern auswendig gelernt, und morgen schon wieder vergessen haben, [...].Halbbildung geht nach Adorno nicht der Bildung voraus, sondern folgt ihr. Damit ist Kritik ohne Kenntnis des Bildungsbegriffs unmöglich, dieser wird vorausgesetzt als der Ausgangs- und Messpunkt (vergleichbar dem Ur-Meter), zum Vergleich einer als unzulänglich bewerteten Bildung. Ein halbgebildeter Mensch hat sich dasselbe Wissen angeeignet, über das auch ein Gebildeter verfügt, aber er gebraucht sein Wissen, indem er Phänomene klassifiziert und subsumiert, anstatt sie in ihrer vollen Lebendigkeit zusammenhängend zu begreifen. Die Freiheit der Bildung, die Aufklärung, Lebensnähe, Autonomie und sonstige Bildungsideale werden nach Liessmann (vgl. Die Theorie der Unbildung) in eine PISA Rangfolgendiskussion umgewandelt. Bildung quasi als Wert, wie Adorno sagt, der aber nicht einer natürlichen Bewegung entsprechend sich den Veränderungen schmiegsam anpasst, sondern nur statisch vorgeben sich präsentiert. Mit dieser Starrheit präsentiert sich der Halbgebildete dem völlig Ungebildeten unterlegen. Denn letzterer verfügt zumindest über den natürlichen, ursprünglichen, kindlich unvoreingenommenen Blick. Diese kindliche Unvoreingenommenheit fehlt dem domestizierten Halbgebildeten. Sein Wissen ist reine Faktizität. Abendliche Ratesendungen wie Kreuzworträtsel bestimmen sein Leben. Adorno kommt zu dem Schluss, dass in der modernen Gesellschaft die zunehmende Verbreitung von Halbbildung einer Allgegenwart des entfremdeten Geistes gleichkommt. Vielleicht erklärt eine Parabel Bildung im Sinne von gedanklicher Grenzüberschreitung über das rein Vorgefundene, (mit Dank an Schwanitz). Ein sterbender Vater vererbt seinen drei Söhnen 17 Kamele. Der Älteste bekommt die Hälfte, der Zweite ein Drittel, der jüngste ein Neuntel. Nun stehen Sie vor dem Dilemma des Rechnens, welches ein vorbereitender Weiser wie folgt löst. Er nimmt sein Kamel, stellt es daneben und die nunmehr 18 Kamele teilt er in 9, 6, und 2 für die jeweiligen vererbten Anteile. Das übriggebliebene Kamel ist seins, er verabschiedet sich und begleitet vom Dank der Brüder reitet er weiter. Nun wie die PISA Studie eine Rangfolge europäischen Ausmaßes gebiert, ist auch die Rangfolge bei Amazon scheinbar eine Handhabe, Wissen und Halbbildung in Starrheit zu empfinden. Sie ist selbstbezüglich. Die Rezensionen verkümmern daher zum Gerangel um Plätze. Oder mit Rilke: Die Platznummer ist der Spiegel des eignen Wertes ohne Fenster. Gemessen an Adornos Bildungsbegriff verbessert niemand seine Bildung im Vergleich mit Mit-Rezensenten, sondern ausschließlich im Vergleich zum ursprünglichen Messpunkt. Auf diesem Wege sind doch alle Menschen und deren abgewogene Meinung von positivem Wert. Denn Bildung muss der Zweck unserer [Lebens]Reise sein und wir müssen ihn erreichen oder der Entwurf ist unsinnig wie die Ausführung ungeschickt. (H. v. Kleist)




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